Der Herbst in Gold- und Kupfertönen

Zu Golde ward die Welt;
zu lange traf
der Sonne süßer Strahl
das Blatt, den Zweig.
Nun neig dich, Welt, hinab.

Bald sinkt’s von droben dir
in flockigen Geweben
verschleiernd zu –
und bringt dir Ruh,
o Welt,
o dir, zu Gold geliebtes Leben,
Ruh.

Christian Morgenstern
(1871 – 1914)

Die Bezeichnung “Herbst” hat den gleichen sprachgeschichtlichen Ursprung wie Erntezeit, Frucht oder Ertrag.
Bevor die Blätter von den Bäumen abfallen geben sie ihre Säfte an den Stamm und in die Wurzeln ab. Das Laub verwest dann am Boden und wird schließlich zu Erde, deren Nährstoffe wieder von den Pflanzen aufgenommen und zum Wachstum genutzt werden.
Im Frühling und Sommer haben die Blätter aber auch die feineren Kräfte aus dem Kosmos aufgenommen. Man kann sich durchaus vorstellen dass sie neben den stofflichen Substanzen und Nährstoffen auch diese Kräfte mit dem Herabfallen an die Erde abgeben.
Was ereignet sich verborgen in unserem Inneren in dieser Jahreszeit?
Rudolf Steiner (1861 – 1925) beschreibt es so:

Es sprießen mir im Seelensommerlicht
Des Denkens reife Früchte,
In Selbstbewußtseins Sicherheit
Verwandelt alles Fühlen sich,
Empfinden kann ich freudevoll
Des Herbstes Geisterwachen
Der Winter wird in mir
Den Seelensommer wecken.
(Seelenkalender 4. Oktober-Woche)

Bildlich gesehen ist ein Jahreslauf auch ein Feld, in das wir unsere Gedanken und Absichten hinein säen.
Sind es die Früchte unserer eigenen Zielsetzungen, die wir Anfang des Jahres gedacht und durch das Jahr hindurch gepflegt haben und die wir nun im Herbst ernten?

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