Der Löwenzahn, Taraxacum officinale

Wenn wir mit einer konkreten und bewussten Aufmerksamkeit etwas betrachten müssen wir aus den gewohnten Gedankengängen heraustreten und aktiv in Beziehung nach außen gehen.
Wir interessieren uns z. B. für den Löwenzahn, an dem wir bisher so oft vorbei gegangen sind ohne ihn wirklich zu bemerken und betrachten ihn genauer in seiner äußeren Erscheinung. Um unser Bewusstsein regsam zu halten nehmen wir zur sinnlichen Wahrnehmung einige wenige weitere Vorstellungen hinzu:

Mit einer langen Pfahlwurzel ist der Löwenzahn tief im Boden verankert. Der Gartenbesitzer der das ungeliebte „Unkraut“ entfernen möchte, weiß wie es mit bloßen Händen kaum zu packen ist und einmal abgerissen, aus der im Boden verbleibenden Wurzel wieder auswächst. Unverkennbar zeigt sich die Blattrosette des Löwenzahns mit den kreisförmig angeordneten gegliederten und gezähnten Blättern. Sie schmiegen sich nahe am Boden an. Je nährstoffreicher der Boden ist, umso fleischiger sind die Blätter ausgebildet und können sogar gänzlich ihre Zackenform verlieren.

Aus der Mitte der Rosette erhebt sich der stabile runde Stängel der mit klebrigem Milchsaft gefüllt ist. Er trägt die runde, aus einer Vielzahl von einzelnen, schmalen Blütenblättern gebildete Blüte, die dem Spaziergänger im Frühling am Weg- und Wiesenrand wie eine kleine Sonne entgegenleuchtet und die sich nur bei Sonnenschein öffnet.

Da der Löwenzahn selten als einzelne Pflanze vorkommt, sondern meist in größeren Gesellschaften, können Sie verschiedene Wachstumsstadien beobachten. Wie zeigt sich die Blüte wenn sie sich öffnet und wie im reifen ganz offenen Zustand? Wie sind die farblichen Unterschiede in der Blüte? Duftet die Blüte?

Nach der Blüte schließen sich die verwelkten Blütenblätter in die grünen Hüllblätter ein und werden nach ein paar Tagen abgestossen.

Mit dem Löwenzahn begegnet uns eine anpassungsfähige, verwandlungsfähige und lebenskräftige Pflanze.

Es erscheinen unzählige haarige, grazile Flugschirme als Fruchtstand, die sich zu einer transparenten silbrig- weißen Kugel arrangieren.

So fest und tief der Löwenzahn mit seiner Wurzel in der Erde verankert ist, so leicht und filigran erscheint er im Samenstand.
Die einzelnen Schirmchen lassen sich vom Wind in alle Richtungen verteilen oder werden von Kindern weggepustet, was dem Löwenzahn im Volksmund auch den Namen „Pusteblume“ eingebracht hat. Die Samen stellen keine großen Ansprüche an ihren neuen Wuchsort und siedeln sich dort als neues Pflanzenwesen an wo der Wind sie hinträgt.

Sie können sich am Abend noch einmal an den Löwenzahn zurückerinnern und die Gedanken dazu wieder aufbauen. Vielleicht haben Sie Details vergessen oder zu wenig genau betrachtet. Das können Sie an Ihrem nächsten Spaziergang nachholen. Auf diese Weise baut sich langsam eine innere Beziehung zum betrachteten Objekt auf und es eröffnen sich feine Empfindungen für die Pflanzenwesenheit.

Der Übungsaufbau ist dem Buch “Die Seelendimension des Yoga” entnommen. Der Autor Heinz Grill schreibt dazu:

“Wer diese Form der Aufmerksamkeit übt in Bezug zu den Körperübungen des Yoga wie auch zu den verschiedensten
Sinnesprozessen des Lebens, bemerkt sehr schnell, wie er auf natürliche Weise auf der einen Seite unabhängiger und auf
der anderen Seite beziehungsfreudiger wird. Es ist die Seele, die Bilder kreiert und die in diesen Prozessen der Sinneswahr-nehmungen zur Erde eine Beziehung erhält und mit dem Denken eine unabhängige und getragene Freiheit bewahrt.”

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